„Geschwefelte Rosinen“ als Arzneigabe

Die recht ungewöhnliche Fallgeschichte von der hier berichtet wird, kam auch auf besonderer Weise zu Stande.

Es geht um ein Amselmännchen – von meinem Mann wurde er „Gustav“ genannt. In unserem Haus leben wir außerdem noch mit drei Katzendamen zusammen.

Schon länger beobachteten wir diesen „selbstbewussten“ Gesellen wie er, „keck“ die Regenwürmer aus dem Rasen zog. Er hatte keinerlei Angst vor einem eventuellen Angriff eines der bekannten Raubtiere. Sich seiner selbst gewiss zeigte er eine unglaubliche Reaktionsfähigkeit im Hochfliegen, sobald eine Katze näher kam.

Manchmal hatten wir fast den Eindruck, dass er sie regelrecht „neckt“, wie er z. B. auf dem Gartenzaun, auf dem auch die Katzendamen gerne balancieren, 1 ½ Meter vor der einen oder anderen vorweghüpfte.

An dem Tag, als mein Mann im Garten Fenster renovierte, sprang dieser kleine Amselmann zwischen den Füßen meines Mannes auf dem Rasen herum. Neugierig schien er jeden Arbeitsschritt zu verfolgen. Seit diesem Tag hat er seinen Namen und seit er „Gustav“ heißt, hörte er auch auf diesen Namen!

Sobald er von einem gerufen wurde, kam er angeflogen und freute sich ganz besonders über ein paar Rosinen.

Irgendwann fiel uns auf, dass er immer mehr so „wuschelige“, zerzauste Federn hatte. Er sah zunehmend „zerzaust“, ja fast „gezupft“ aus. Die Federn gingen einzeln aus und aus seinem Federkleid stand mal hier mal da eine Feder quer heraus. Ende Juli, gingen ihm die Federn am Hals so stark aus, dass sein Hals ohne Federn schuppig, weißlich zum Vorschein kam. Mein Eindruck war, dass es Milben hätten sein können, aber das war einfach eine Vermutung.

Irgendwann konnten wir seinen Zustand nur noch schwer tatenlos mit ansehen, wir besprachen also Gustavs Krankengeschichte und sein individuelles Wesen:

– Neugierig
– Selbstbewusst
– Verlangen nach Süß
– Appetit um 11 Uhr
– Hautausschlag
– Ungepflegtes Aussehen

Ich dachte recht spontan, das passt ja zu der Arznei „Sulfur“.

„Sulpherous Fumeroles“ by James Shook (= JShook) – Self made photograph by James Shook. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Und wie ich bei jeder Fallanalyse verfahre,  machte ich auch hier eine Repertorisation der gesammelten Symptome.

Es kommt darauf an die Rubriken zu kennen, welche als „Sammelschubladen“ für jene Symptom-Zeichen herzunehmen sind. Die Rubriken wiederum enthalten die Arzneien, welche diese Symptome, entweder in der Arzneimittelprüfung oder als Heilbestätigung, in ihrem Arzneimittelbild beinhalten.

Oder anders ausgedrückt: Es gilt für diesen besonderen „Fingerabdruck der Krankheitssymptome“ in ihrer Pathologie bis hin zur individuellen Prägung eine Arznei zu finden, die jene spezifischen „Fingerabdrucklinien“ in ihrem Energiemuster beinhaltet.

Hier ein „Einblick“ in die Arbeit der homöopathischen Praxis:Repertorium

Die Repertorisation spiegelt genau die Übereinstimmung der ausgewählten Symptome wieder.

Nun ging mir ebenso die Frage durch den Kopf, wie der Vogel die Globuli verabreicht bekommen kann. Doch auch da kam mir ähnlich rasch die Idee: er mag Rosinen – dann bekommt er „potenziert geschwefelte“ Rosinen!

Also keine handelsüblichen geschwefelten Rosinen, sondern welche mit der potenzierten, seinen Krankheits- und Wesenszeichen ähnlichen Arznei!

Ruck zuck waren Sulfur Globuli in Wasser aufgelöst und dieses hauchzart auf die Rosinen gesprüht.

Mit unseren „extra Rosinen“ holte sich von da an Gustav täglich seine Arznei ab.

Es gab auch Tage, besonders wenn es stark regnete, an denen er auch einmal ausblieb…

Nach 2-3 Wochen war sein Hals auffallend mit Flaum gefüllt. Nach und nach wurde er immer runder, im Sinne von vollerem Gefieder, richtig „proper“ kam er daher. Er erfreut uns mit seinem inzwischen durch und durch gepflegten neuen Federkleid! Inzwischen hat Gustav seine ganze Familie vorgestellt, die haben jedoch alle ein ganz anderes Naturell, sie sind eher schüchtern bis scheu und haben noch keine Namen. Die Geschichte geht vielleicht irgendwann einmal weiter…

Aus homöopathischer Sicht fand ich es interessant, wie deutlich Gustav auf die Arznei reagierte und so wählte ich seinen Fall als Beispiel für eine Sulfurkasuistik.

„Sulfur dioxide emissions from the Halemaumau vent 04-08-1 1“ by Brocken Inaglory – Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Schon Hahnemann lobte die tiefe Arzneikraft dieser psorischen Arznei. (damit ist gemeint, dass sie einen sehr starken Hautbezug hat!)

In dem Arzneimittelbild gibt es sehr viele Hautsymptome, Ausschläge mit Jucken und Rötung.

Auf der mentalen Ebene wird von „Sulfur“ oft vom „zerstreuten Philosophen“ gesprochen, der mit zerzausten Haaren, neugierig die Zusammenhänge der Welt verstehen möchte.

Es fehlt nicht an Selbstbewusstsein, der „Sulfur-Typus“ ist gerne im Mittelpunkt. Morgens um 11 Uhr ist eine für „Sulfur“ typische Verschlechterungszeit, in der er Hunger hat und dann eben sehr gerne etwas Süßes!

Sulfur hat eine große Abneigung zu Baden, oft ist das Waschen mit heftigem Brennen auf der Haut verbunden. Aber nicht nur bei vorhandenen Hautausschlag, so dass eher mit einer geringen „Katzenwäsche“ vorliebgenommen wird.

Es ist ein großes Arzneimittel bei Hauterkrankungen, wenn die begleitende Symptomatik, sowie eine Ähnlichkeit im Gemüt übereinstimmen.

Der Schlaf ist oberflächlich, jede kleine Störung wird wahrgenommen, dies wird auch als Katzenschlaf bezeichnet. Wegen der eigenen Körperwärme und dem gleichzeitigen Verschlechterungsfaktor durch Wärme werden vom „Sulfurtyp“ gerne die Füße unter der Bettdecke herausgestreckt.

Sulfur, das ist potenzierter Schwefel, Schwefelblüten, wie sie aus dem heißen Erdinneren durch Vulkantätigkeit zum Vorschein kommen. Wir kennen den Geruch von faulen Eiern, welcher nahe von heißen Quellen mit Schwefeldämpfen einem fast den Atem nehmen kann. In Proteinen ist Schwefel ein wichtiger Bestandteil, hier wiederum besonders in Eiern.

Mit Schwefelzusatz wird der Wein haltbarer, beigemengt in Salben dient er zur Linderung von Hautausschlägen.

Geschwefelte Rosinen bleiben länger haltbar, in diesem Fall aber in „potenzierter Form“ dienten sie als Trägersubstanz für das ähnliche Heilmittel, bei der Erkrankung von Gustav.

Kochler Blattl – Dezember  2014