Coffea cruda, Schlaflosigkeit mit nervöser Aktivität: ein Fall

Mit einer Tasse Kaffee in kürzester Zeit noch schnell einen homöopathischen Beitrag zu schaffen, inspiriert mich direkt – eben über diese Energie zu schreiben! Anfangen möchte ich daher mit einem Gedicht von Ernst Jandl:

Herr Ober, ob er mal kommt.
Es gibt K Kaffee und der Löff fehlt.

Die potenzierte Arznei Coffea cruda, wird aus der ungerösteten Kaffeebohne des Arabica Kaffeebaumes hergestellt. Die Pflanze gehört zu der Familie der Rötegewächse. Homöopathisch werden einige Arzneimittel aus dieser Pflanzenfamilie verwendet, wie zum Beispiel die von Hahnemann als erste aus der Chinarinde potenzierte Arznei China officinalis oder die evtl. aus der homöopathischen Hausapotheke bekannte Arznei Ipecacuanha aus der Brechwurzel.

Ungeröstete Kaffeebohnen von H. Zell – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Den Ausdruck des Hauptthemas dieser Pflanzenfamilie könnte man folgendermaßen beschreiben: Es herrscht eine permanente Aktivität vor, gesteigert von vielen Ideen und Phantasien, die Vergnügen bereiten, ja, ein gewisses gieriges Hungern nach Anregung und Stimulation. Durch zu viel der Anregung entsteht eine Überreizung, die schließlich alles verschlimmert. Dies ist die „andere Seite der Medaille“, geprägt von Trägheit, Stumpfheit Erschöpfung mit schwindenden Gedanken.

Schon eine Legende berichtet, dass ein Hirte im Königreich Kaffa beobachtet habe, wie eine Ziege, sobald sie Blätter und Samen eines immergrünen Strauches gefressen hatte, von Unruhe und Schlaflosigkeit befallen wurde. Dies habe er Mönchen erzählt, welche sich seither dieser Pflanze bedienten, um ihre Gebete zur Nachtwache (Vigilien) verlängern zu können.

Und genau diese Energie begegnet uns heute regelmäßig direkt in der Werbung für Kaffee. Sie watet auf mit den immer fröhlich ausgelassenen Versprechungen nach direkter Energie und Freude. Es gibt den überall angebotenen „Coffee to go“, in der heutigen Zeit sozusagen die Entsprechung von Power im permanenten Angebot. Kaffee ist wie eine Kreditkarte für Energie, die durch das Verlangen alles zu tun, zu schaffen und gleichzeitig Vergnügen zu spüren in eine permanente Überreizung führen kann, indem das Gehirn so viel arbeitet, dass man eben gar nicht mehr schlafen kann.

Die 28jährige Patientin kam mit folgendem Anliegen zu mir in die Praxis:

„Zurzeit kann ich fast nicht mehr schlafen, es ist in meinem Kopf wie überdreht. Ich kann die Gedanken nicht abschalten, sie drängen regelrecht von einer Idee zur nächsten, wie ich etwas gestalten kann. Sie sind permanent in meinem Gehirn. Eigentlich kann ich sehr viel auf einmal leisten, bin immer schon ein sehr intellektueller Mensch. Aber durch das ständige Schlafdefizit bin ich wie benommen, werde träge und bin nervlich vollkommen überreizt.

Meine Haut juckt so schlimm, dass ich nicht zu kratzen aufhören kann, bis es blutet. Wenn ich hastig esse kommt es immer wieder vor, dass ich die Mahlzeit gleich danach erbreche. Immer wieder habe ich Episoden von schrecklicher Migräne. Während dieser Kopfschmerzen habe ich überhaupt keine Geräusche mehr vertragen und bin am Ende meiner Kräfte. Der Kopf fühlt sich dann an, als wäre er zu klein oder wie zertrümmert. Der Schmerz treibt mich regelrecht so zur Verzweiflung, bis ich weinen muss.

Schon als Kind habe ich ganz schlecht mit Schmerzen umgehen können. Oft habe ich zu hören bekommen, ich solle nicht so wehleidig sein und mich nicht so anstellen.

Wenn ich darüber nachdenke, bin ich schon immer so empfindlich gewesen. Meine Kindheit war sehr behütet, ich kann fast sagen paradiesisch. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und bin in meinen Aktivitäten, vom Reiten bis hin zum Theaterspielen immer von meinen Eltern unterstützt worden. Meine Jugend war im Grunde eine einzige Party, ich war gut in der Schule, immer in Action!“

Auf meine Frage, wann die Migräne begann, erzählt sie, dass diese oft nach Prüfungen, oder Abgaben verschiedener Arbeiten auftraten. Dies sind Episoden in denen sie nur noch denkt, scheibt und arbeitet obwohl sie eigentlich schon gar nicht mehr kann. „Dann kam die Migräne wie eine ‚Klatsche‘, um mir die Erschöpfung klar zu machen.“ Sie lacht, während sie das erzählt.

„Die Schlafstörungen jetzt kann ich gar nicht verstehen, weil ich eigentlich all das erreicht habe, was ich immer wollte: Ich habe meinen Traumjob bekommen. Unter vielen Bewerbern wurde ich ausgewählt und nun kriege ich keine Ruhe mehr in meinen Kopf!“

Meine letzte Frage war ob sie Kaffee mag. Direkt und ohne zu zögern antwortete sie: „Nein Kaffee habe ich noch nie vertragen! Da wird man ja so aufgekratzt, wie ich mich schon  normalerweise fühle!“

Sie bekam von mir, mit einem leichten Schmunzeln im Gesicht die Arznei Coffea cruda.
Unmittelbar nach Arzneieinnahme konnte sie besser schlafen. Migräneanfälle hatte sie nur noch ab und zu in leichter Form. Diese wurden aber durch weitere Arzneigaben, im akuten Zustand, bald vollends geheilt.

Alte Frau mit Zeitung und Kaffeetasse 1883 von August Friedrich Siegert (1820-1883)

Die ‚Coffea-Patienten‘ wollen lange den paradiesischen Zustand ihrer frühen Kindheit bewahren. Sie haben einen Faible für schöne Dinge, sind voller kreativer Einfälle und steuern Konflikten schnell sehr kommunikativ entgegen. Dadurch sind sie im Team harmonisierend und können andere positiv beeinflussen. Andererseits können sie durch ihr unaufhaltsames Reden anderen in Gesellschaft auch schnell auf die Nerven gehen. Sie fühlen sich tagsüber am wohlsten, wenn sie körperlich und geistig aktiv sind. Doch allzu heftige Bewegungen, wie in einer Achterbahn oder einem Karussell sind ihnen dann zu viel des Guten. Angetrieben von einem immerwährenden hohen Anspruch an ihr  ideenreiches aktives Leben, verlangen sie auch schnell nach Stimulantien, die dann irgendwann zu einer gereizten, übersensiblen Schwäche führen. Dann liegen alle Nerven blank, sie fühlen eine Stumpfheit im Denken, das Selbstvertrauen nimmt ab und mannigfaltige Krankheitssymptome können entstehen.

Kaffee Früchte CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org

Einige der wichtigen Indikationen für Coffea cruda sind:

Extreme Empfindlichkeit mit großer nervlicher Erregung und Rastlosigkeit. Sie werfen sich hin und her, wenn sie leiden. Große Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen, ja, regelrechte Intoleranz gegenüber Schmerzen.
Zum Beispiel heftigste Schmerzen Gebärender.
Außergewöhnliche Aktivität des Geistes mit Schlaflosigkeit, auf Grund geistiger Aktivität.
Erwartungsspannung (innere Aufgeregtheit) mit Ideenreichtum, wie eine Verschlechterung vor freudigen Ereignissen z B Weihnachten oder Geburtstagen. Üble Folgen von Gemütsbewegungen wie Freude, Überraschung und Erregung oder Folgen von Narkotika oder starker Gerüche. Allgemein überreizte Sinne wie auch empfindliches Gehör.
Nervöses Herzklopfen, unregelmäßig und heftig. Asthmatische, nervöse Atmung mit morgendlicher Verschlechterung.
Neuralgien z B der Beine oder Trigeminusneuralgie (Gesichtsschmerz), Zahnschmerzen die durch Eiswürfel im Mund gebessert werden.

Abschließend dazu noch diese Zeilen von Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Palmström legt des Nachts sein Chronometer,
um sein lästig Ticken nicht zu hören,

in ein Glas mit Opium oder Äther.

Morgens ist die Uhr dann ganz »runter«.

Ihren Geist von neuem zu beschwören,

wäscht er sie mit schwarzem Mokka munter.