Was ist eigentlich eine „Erstverschlimmerung“ in der Homöopathie

Immer wieder werde ich in der Praxis gefragt, ob es im Zuge einer homöopathischen Behandlung zu einer anfänglichen „Verschlimmerung“ kommt. Verbreitet ist die Sorge, dass es nach der Einnahme der homöopathischen Arznei zwingend zu einer heftigen Zunahme der Krankheitssymptome kommt. Verbreitet ist die Meinung: „Bei der Homöopathie wird immer alles erst schlimmer, bevor es besser wird.“

Der Frage, was mit dem Begriff „Erstverschlimmerung“ gemeint ist, wie sie entsteht und wie sie bewertet werden muss, folgen unmittelbar weiteren Fragen: ob eine „Erstverschlimmerung“ gewünscht ist, weil sie eine gute Arzneiwirkung bedeutet? Ob es immer zu einer „Verschlimmerung“ kommen muss? Wie lange muss man die „Verschlimmerung“ aushalten? Und ist eine „Erstverschlimmerung“ wirklich schlimmer? Dies klingt ja dramatisch! Und deshalb der Reihe nach:
Um diesem sehr komplexen theoretischen Wirkungsprinzip näher zu kommen, lohnt es sich mit der leicht zu verstehende Erklärung von Samuel Hahnemann zu den Begriffen „Erstwirkung“ und „Nachwirkung“ aus seinem „Organon der Heilkunst § 65“ zu beginnen.

Sculpture “Body and Soul” (Duk-Kyu Ryang, 2015) by Dietmar Rabich – Self-photographed, CC BY-SA 4.0

Eine in heißem Wasser gebadete Hand ist zwar anfänglich viel wärmer als die andere, ungebadete Hand (Erstwirkung), aber von dem heißen Wasser entfernt und gänzlich wieder abgetrocknet, wird sie nach einiger Zeit kalt und bald viel kälte  als die andere (Nachwirkung). (…)Ein in das kälteste Wasser lange getauchter Arm ist zwar anfänglich weit blässer und kälter (Erstwirkung) als der andere, aber vom kalten Wasser entfernt und abgetrocknet, wird er nachgehends nicht nur wärmer, als der andere, sondern sogar heiß, roth und entzündet (Nachwirkung, Gegenwirkung der Lebenskraft).

Bei einer Erstwirkung ist der Reiz von außen stärker als das Befinden im Organismus. Das Bestreben der Lebenskraft im Organismus ist es jedoch sofort wieder das Gleichgewicht herzustellen und gegensätzlich zum äußeren Reiz zu reagieren. Hieraus folgerte Hahnemann, dass zur Heilung ein äußerer Reiz benötigt wird, um die Lebenskraft zu einer Gegenwirkung zu stimulieren, der jedoch so gering ist, dass er keine heftige Nachwirkung der Lebenskraft nötig werden lässt.

Wenn wir uns die immaterielle Lebenskraft wie ein Gummiband vorstellen, welches im Krankheitsfall heftig hin und her schwingt, entspricht der angemessene Reiz durch den sie wieder zurückschwingen kann um ins Geleichgewicht zu kommen, genau der Kraft des sanftesten „Los-Lassens“ aus der Dehnung. Wird indes noch weiter kräftig angezogen, kommt es zu einer noch weiter ausladenden Schwingung.

„Schwingung“ von Uwe Gehring (Varus111) – Eigenes Werk, CC BY 3.0,

Aber so leicht wie in diesem als Model dienenden Bild mit dem Gummiband ist es nun auch wieder nicht.
Bei einer Krankheit geht es nicht nur, wie oben beschrieben, um kalte oder warme Hände, sondern um einen meist komplexen Krankheitszustand. Wenn nun durch eine „heftige“ Reaktion das „Pendel“ so stark in die andere Richtung ausschlägt, dann belastet es mehr, als dass es heilt.

Das Ziel in einer homöopathischen Behandlung ist es immer, die Erstwirkung (der Arznei) so fein und sanft zu setzen, dass die Reaktion (Nachwirkung) nicht ins Extrem umschlägt!
Dies wird durch die angemessene Potenzstufe der Arznei erreicht. Das bedeutet, die Krankheitsdynamik muss der gewählten Potenzierungs-Energie entsprechen.

Wassertropfen von José Manuel Suárez, CC BY 2.0

In akuten Krankheiten kommt es sehr selten zu heftigen Verschlimmerungen und wenn dann nur ganz kurz. Die Lebenskraft zeigt im akuten Geschehen ihre „Verstimmung“ deutlich durch die Symptomatik an, was auch immer bedeutet, dass eine starke Lebenskraft wirkt, die hier auf sich „aufmerksam“ macht! Hier bedeutet das kurze heftige Aufflackern, dass die Lebenskraft „berührt“ wurde und nun sanft zurück schwingt.

Bei chronischen Krankheiten ist es wesentlich diffiziler. Hier gibt es verschiedene Reaktions-Möglichkeiten, welche fachkundig berücksichtigt werden sollten.
Ist der Reiz (die Potenzstufe) zu gering, für die erkrankte Person, schwingt die Lebenskraft in der angemessenen Deutlichkeit heftiger, hier war der Reiz zu schwach und es wird durch eine höhere, feinere Gabe der Arznei zu einer sanften Heilung kommen.

„Unruhige Wasserobrfläche“ Stappitzer See von Uoaei1 – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0

Auch bei einer Überdosierung, oder auch einer zu oft wiederholt eingenommenen Arznei, kann es zu einer Verschlimmerung kommen. Das entspricht dann einer Wasserfläche die nicht wieder zur Ruhe schwingt, nachdem einem Steinchen hineingeworfen wurde, weil immer wieder mehrere Steinchen die sich ausbreitenden Kreise durchkreuzen.

Wenn nun die Arznei nicht ganz dem Krankheitsbild entspricht, also nicht vollständig ähnlich ist, kann die „Weiterverschlimmerung“ auf ein tiefer sitzendes Übel aufmerksam machen. Somit ist eine noch besser passende Arznei zu suchen.

Auch wenn es nach einer anfänglichen Besserung anschließend schlimmer wird, ist die Arznei unpassend – oder der Mensch ist unheilbar krank, was palliativ wirkende Arzneien erfordert!

Abschließend sei hier noch eine „Verschlimmerung“ erwähnt, und zwar die häufig unwissend herbeigeführte Arzneimittelprüfung. Wenn ohne wirklich passende Ähnlichkeit eine genommene potenzierte Arznei zu einer durch sie ausgelösten „Kunstkrankheit“ führt. Die Lebenskraft passt sich durch falsche Wiederholung diesem permanenten Reiz und der Mensch somit der Schwingung der eingenommenen Arznei an. Sobald die Arznei wieder weggelassen wird, kommt es allmählich wieder zu dem Allgemeinzustand vor Einnahme der Arznei.

„Wassertropfen“ von Diener electronic GmbH + Co KG – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0

Diese unwissentlich herbeigeführte „Kunstkrankheit“ ist leider immer wieder zu beobachten, wenn potenzierte Arzneien während einer Eigenbehandlung unsachgemäß eingenommen werden. Hier gilt eben nicht: „Wenn es nicht hilft wird es nicht schaden“!
Hier ist grundsätzlich kein wirklicher Schaden zu befürchten, jedoch sollte die Lebenskraft im Krankheitsfall ja gestärkt, und eben nicht „noch mehr strapaziert“ oder evtl. sogar geschwächt werden!
Eine heftige Überreaktion auf homöopathische Arzneien kann dann die Folge sein. Menschen, die in Folge von zu häufig falsch eingenommenen Arzneien übersensibel auf feinstoffliche Reize reagieren, sollten dringend von einem Homöopathen ein individuell herausgesuchtes Arzneimittel verordnet bekommen, welches genau dessen Sensibilität beinhaltet. Hier sind die Arzneigaben im Krankheitsfall mit größter Vorsicht zu verordnen! Mit der Beschäftigung dieser Fragen wird deutlich, dass bei einer homöopathischen Behandlung einiges an Fachwissen über die Reaktionsprinzipien, deren Einordnung und Beurteilung für die Ausübung dieser Heilkunst erforderlich ist.
Die Einnahme homöopathischer Arzneien aus der Hausapotheke ist zwar immer wieder ein Segen, sie sollte aber nicht dazu verleiten, Globuli zu leichtfertig einzunehmen, weil sie nicht schaden, da ja „nichts drin ist“.

sich ausbreitender Wasserringe von Roger McLassus

Aus eigener Erfahrung kann ich den Mythos „Erstverschlimmerung“ in der Praxis deutlich entkräften. Die individuelle Verordnung der angemessenen Potenzstufe homöopathischer Arzneien erfolgt immer nach ausführlicher Begutachtung des jeweiligen Krankheitsfalls. Dies bezweckt immer, den bestmöglichen „sanftesten Reiz“ als Stimulation für die Lebenskraft zu setzen. Das führt zur Selbstheilung bzw. der Nachwirkung im Organismus, die zur Wiederherstellung des Gleichgewichtes schwingt.