Calcium carbonicum Hahnemannii – Die Entdeckung der Langsamkeit – Annäherung an die große homöopathische Arznei

Samuel Hahnemann verwendete den schneeweißen Teil, der zwischen der inneren und äußeren Schicht der Austernschale liegt, zur Herstellung der Arznei Calcium carbonicum. Er hielt es für das reinste Kalziumcarbonat. Doch als das Produkt eines Meerestieres enthält es auch Spurenelemente, die im Meerwasser vorhanden sind. Genau diese Tatsache macht es zu einem sehr komplexen und weit größerem Arzneimittel, als es ein chemisch hergestelltes, reines Kalziumcarbonat wäre!

Das feinstoffliche Ähnlicheitsprinzip von Calcium carbonicum zieht sich durch die ganze Natur dieser Arznei und somit entspricht auch ein entscheidender Anteil der Austernmuschel.

Schale einer Auster von I, Manfred Heyde, CC BY-SA 3.0

Es geht um die wesentliche Natur von Schutz gegenüber äußeren Einflüssen und um Stabilität sowie die Organisation innerer Einflüsse. Das Bild des schwachen „Inneren“ der Auster ohne Struktur birgt die Notwendigkeit des Aufbaus einer stabilen Schale zum Schutz als überlebenswichtiges Rückzugsmittel. Somit wird dem „Erbauer von festem Boden aus fließendem Wasser“ im Organismus zwei Polaritäten zugeordnet: die harte Schale der Außenwelt und der weiche Kern der Innenwelt.

Die Eigenschaften von Kalk im Körper sind formgebend, das zeigt sich in unserem Knochenaufbau. An den Zellmembranen führt es zur Verlangsamung des Reaktionsablaufes und wirkt durch die Steigerung des Gewebewiederstandes dadurch stabilisierend. Ohne Kalzium würde unser Nervensystem in einen Dauererregungszustand gelangen. So beeinflusst es als häufigster Bestandteil des menschlichen Körpers den gesamten Stoffwechsel und ist deshalb besonders in den Übergangsphasen des Lebens wie Schwangerschaft, Kindheit, Pubertät, Klimakterium und Alter besonders wichtig.

Ein gestörter Kalzium-Stoffwechsel zeigt sich unter anderem durch verzögerte Knochen- und Zahnentwicklung, Verstopfung, schlaffes Gewebe oder ständige Erkältungen mit Drüsenschwellungen.

Körperliche Beschwerden hängen im Großen und Ganzen immer mit einer Unausgewogenheit  des  Kalziumstoffwechsels zusammen. Da dies im körperlichen sehr viel deutlicher erkennbar ist als im wesentlich tieferen, emotionalen Bereich, soll hier eine kleine Brücke zur feinstofflichen Energie der Arznei geschlagen werden.

Sir John Franklin 1786 bis 1847

In dem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny geht es um die Lebensgeschichte John Franklins, der wegen seiner Langsamkeit auffällt und zum Außenseiter wird. Doch dann wird er schließlich aufgrund seiner Stetigkeit und Ausdauer zu einem großen Entdecker. So meint z. B. Franklins Lehrer Orme: „Seine scheinbare Begriffsstutzigkeit und Trägheit ist nichts anderes als eine übergroße Sorgfalt des Gehirns gegenüber Einzelheiten aller Art.“ Um in der Schnelllebigkeit seiner Zeit mitzuhalten, gleicht John die ihm eigene Langsamkeit nicht nur durch genaue Beobachtung und ein exzellentes Gedächtnis aus, sondern auch durch besondere Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit und Willenskraft.
In diesen Zeilen über den bekannten Polarforscher sind schon die Hauptattribute der Arznei zu spüren. Wenn man sich die Ausgangssubstanz vor Augen hält, kommt man der geisthaften Energie noch ein Stückchen näher: Die schutzbedürftige weiche, wabbelige Seite der Auster und die feste, Halt- und Schutz bietende Muschelschale gemeinsam als Wesensprinzip. Es geht um etwas im Wesen weiches, ungeschütztes, empfindliches und verletzliches, was nach einer stabilen, strukturierenden Umhüllung sucht.

Pazifische Auster, geöffnet – von Chris 73 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Babys sind die sogenannten „Wonneproppen“, mit einem großen Stillverlangen gut genähert, einem großen Schlafbedürfnis, ruhig und mit großem Kopf und Bauch.  Alles ist etwas „verspätet“, sie lernen spät zu laufen und zu sprechen, die Zähne kommen spät. Sie beobachten ihre Umwelt genau, bewegen sich wenig und brauchen, da sie sehr unsicher und ängstlich sind, wo immer sie sich befinden, eine beschützende Umgebung. Sie suchen den stabilen Halt zu Hause, bei den Eltern oder einem „Schutzengel“. Ihr Wille ist jedoch sehr ausgeprägt, dickköpfig fällen sie klare Entscheidungen, überlassen die Ausführung dann aber lieber anderen. Die Lebensträume sind bodenständig, wie z. B. ein eigenes Haus zu besitzen und nie mehr zu verlieren. Wenn sie gesund sind, zeichnen sie sich durch große Robustheit und Zähigkeit mit einer starken Lebenskraft aus.

Symptome von Menschen, die auf „Calcium carbonicum“ hinweisen, sind folgende:
Besonders schreckliche Dinge, grausige Geschichten oder Filme ergreifen sie so tief, dass sie unter Alpträumen leiden.
Ein verlangsamter Stoffwechsel mit mangelnder Kalkassimilation ist Ursprung einer Neigung zur Fettsucht und zu schwerfälligem oder plumpen Verhalten.
Sie zeichnet ein phlegmatisches, träges und langsames Temperament mit schneller Ermüdung und  körperlicher und geistiger Erschöpfung aus. Treppensteigen oder Bergaufgehen ist unverhältnismäßig anstrengend und erschöpfend.
Sie sind sehr empfindlich auf Kälte und Nässe und reagieren darauf mit einer erhöhten Infektanfälligkeit. Sie haben häufig ein Kältegefühl, innerlich und äußerlich, mit feucht-kalter schweißiger Haut. Der Geruch vom Schweiß ist meist säuerlich.
Sie haben ein Verlangen nach Eiern und bevorzugen leicht zu schluckende Nahrung, wie z. B. Mehlspeisen oder Kartoffelbrei.
Ungewöhnlich ist die Verstopfung ohne Beschwerden.

Bei Kindern beschleunigt Calcium carbonicum die geistige und körperliche Entwicklung und stärkt die Abwehrkraft.

Bei Erwachsenen ist es eine große Arznei bei Erschöpfungszuständen, besonders nach Überarbeitung, anhaltendem Stress und besonders für Folgen von geschäftlichem Misserfolg.

Sandro Botticelli – La nascita di Venere

Ansonsten ist es eine große Arznei für allerlei Schmerzen oder Leiden an Gelenken und Knochen, wie z. B. Rheuma, Arthrose, Skoliose oder Bindegewebsschwäche.

Calcium-Menschen sind, wenn sie ihren eigenen Rhythmus finden, verlässlich, mitfühlend, warmherzig, willensstark und durch ihre Beständigkeit dem Wesen des Buddhas nah. Sie benötigen förmlich einen störenden Impuls, um sich zu entwickeln. Durch innere Reifung kann aus tiefen Verletzungen ihre Persönlichkeit gleich einer wunderschönen Perle werden, ähnlich wie sie langsam im Verborgenen in einer Auster entsteht.

Zwei Seiten einer Muschel mit Perle by Didier Descouens – Own work, CC BY-SA 4.0,