Piper nigrum

Piper nigrum, der schwarze Pfeffer, einmal homöopathisch betrachtet, potenziert verordnet –und passend zur Jahreszeit im Pfefferkuchen

Die Familie der Pfeffergewächse bringt einige, in der Küche beliebte Gewürze hervor. Der stimulierende scharfe Geschmack des schwarzen und weißen Pfeffers gehört heute in jedes Gewürzregal. Doch früher war der Pfeffer ein kostbares Gut und wurde zeitweilig sogar mit Gold aufgewogen. Er galt als „König der Gewürze“.

Modell der Nao Lionarda, eines von drei Handelsschiffen eines deutsch-italienischen Konsortiums, das 1505/1506 nach Indien segelte, um von dort Gewürze, v.a. Pfeffer, nach Europa zu bringen. Modell von Hartmut Walter, im Fugger-und-Welser-Erlebnismuseum Augsbug by Neitram – Own work, CC BY-SA 4.0

Händler, die ihren Reichtum unter anderem dem Pfeffer zu verdanken hatten, wurden als Pfeffersäcke bezeichnet. Pfeffer war ein besonderer Luxusartikel, erlangte seine Bedeutung aber vor allem dadurch, dass mit seiner Hilfe Lebensmittel lange haltbar gemacht werden konnten.
Der scharf brennende Geschmack des Pfeffers kommt über die Erregung von Wärme- und Schmerzrezeptoren zustande. Reflektorisch werden Speichel- und Magensaftsekretion angeregt, ebenso die Ausschüttung von Verdauungsenzymen. Pfeffer hat daher eine deutlich appetitanregende und verdauungsfördernde Wirkung. Er kam in der Phytotherapie aber auch in Arzneimitteln sowie Tonika zur Anwendung. Dafür wird er aber heutzutage in Europa kaum noch eingesetzt.

Ein kleiner Ausflug in die Pflanzenentwicklung und ihre Reifung soll hier als ein Einblick in die Möglichkeiten der therapeutischen Betrachtungen dienen.

Die familiäre Beziehung der Pflanzen in der Evolutionsgeschichte ist uns nicht so geläufig wie die der Tiere. Es liegt nicht so sehr auf der Hand, welche Entwicklungsstufe eine Magnolie oder eine Rose haben. Vielmehr ist uns das bei einem Frosch und einem Pferd eher bewusst.

Stellen wir uns die Entwicklungsstufen der Pflanzen wie einen Baum mit verzweigten Ästen vor: die einfachen, urzeitlichen Pflanzen wie Algen, Moose und Farne liegen grob betrachtet im Wurzelwerk mit eigenen Verzweigungen. Zu den Sporenpflanzen gehören auch Coniferen, die Nadelbäume. Dann haben wir den Stamm der Blütenpflanzen, der wiederum aus zwei eigenen Stämmen verzweigt weiter wächst. Dem Ast der einkeimblättrigen Pflanzen zu denen unter anderem die Palmen, Gräser, Orchideen und die Lilien weiter entwickelt gehören.

Die zweikeimblättrigen Pflanzen sind weitaus zahlreicher und verzweigen sich aus dem anderen Hauptstamm in immer differenziertere Pflanzen. Diese Eigenschaften in der Evolutionsentwicklung der Pflanzen, können wir mit unserer homöopathischen Erfahrung, auf die uns bekannten menschlichen Entwicklungsprozesse übertragen. Es ist für viele Homöopathen eine nun schon über Jahrzehnte fundierte Verschreibungsgrundlage geworden, die aus einem tieferen Verständnis im Einzelfall herrührt.
Entwicklungsgeschichtlich befinden sich die Pfeffergewächse in der Evolution der Blühenden Pflanzen sehr weit am Anfang. Das bedeutet, dass sie auch homöopathisch in ihrem innersten Erleben, bedürftig und eher kindlich wahrnehmen. Es geht um die sofortige Befriedigung ihrer kindlichen Bedürfnisse, wie dem: “ich will“ – “ich kriege“, gleich dem Wechsel eines inneren Mangels und einer Anregung der sie von außen ausgesetzt sind. Es ist eine Erfahrung, die der Entwicklung im Säuglingsalter entspricht. Anstatt sich hinaus in die Welt zu wenden, wird davor zurückgeschreckt und sich in den frühkindlichen Zustand des Wartens auf äußere Anregung zurückgezogen. Es ist bildlich vergleichbar mit der Abkapselung aller Intensität in das kleine Pfefferkorn.

Grüne, weiße und schwarze Pfefferkörner von Rainer Zenz, CC BY-SA 3.0

Die Vitalempfindung der Arzneien aus der Pflanzenfamilie der Piperaceen/Pfeffergewächse ist durch eine besondere Polarität gekennzeichnet. Die Polarität eines von Langeweile gekennzeichneten und eher faden Erlebens, energielos, schlapp und mit Schmerzen versus die entgegengesetzte Freude voller Spaß, Vergnügen, Unterhaltung und Abwechslung.

In diesem Energiemuster werden verschiedene Befriedigungsmuster gegen den „Ernst des Lebens“ deutlich:

Das Verlangen nach Unterhaltung und Abwechslung kann durch Stimulation über den Geschmackssinn folglich kurz befriedigt werden. Es ist eine fast frühkindliche, orale Befriedigung, die durch verschiedene, geschmacklich gewürzte Speisen Abwechslung in das eintönige, von Langeweile geprägte Lebensgefühl bringt. Durch die Würze der Speisen kann kurzfristig die fad schmeckende Eintönigkeit in ein sinnliches Vergnügen verwandelt werden. Alles, was dem Leben Geschmack verleiht, gibt Grundvertrauen und  Grundsicherheit zurück. Wenn man nicht bekommt, was man will, entsteht Rückzug, Langeweile und Schmerz.

Spices at central market in Agadir (Morocco) by Photo taken by Bertrand Devouard – Own work, CC BY-SA 3.0

Es ist eine recht einfache Polarität, die bei den Piperales (Familie der Pfeffergewächse) sozusagen einem „Code“ entspricht, der unter jeder weiteren Symptomatik der Erkrankung zu finden sein muss! Man möchte die Welt sinnlich erfahren und kann die Bedürfnisse nicht verschieben!

Werbeanzeige der Pfefferküchlerei von Oswald Köhler von 1890 von Numiscontrol (Diskussion) 02:54, 23. Okt. 2014 (CEST) – Zeitungsausschnitt, Bild-frei

Dazu ein Fall von hartnäckigem Schnupfen mit Niesattacken und furchtbaren Schmerzen im Rachen.

Der junge Mann kommt kurz vor seiner Klausurprüfung mit schrecklichen Halsschmerzen. Es ist ein wirklich ernster Zustand. Die Schmerzen sind brennend, fühlen sich roh an und sind fast zum verrückt werden. Er schildert seinen Zustand folgender maßen: „Es fing mit heftigen Niesattacken an, ich bin richtig gebeutelt worden. Durch das intensiven Lernen und Studieren ist das Leben eintönig und langweilig geworden. So kann ich mich jetzt auch deutlich schwerer konzentrieren. Gerne würde ich einfach nur mal mit Freunden abhängen. Es muss ja nicht ständig Party sein, aber immer nur Lernen ist einfach so fad. Mit dem Essen ist es ähnlich, alles schmeckt einheitlich, ist pappig und schal, ohne jegliche Geschmacksnuancen. Das Schlucken ist dabei nicht das Problem, ich habe vielmehr gar keinen Appetit mehr. Wenn ich so davon spreche, werden die Schmerzen gleich noch viel schlimmer. Schrecklich diese Monotonie, diese Langeweile mit dem ‚immer nur lernen‘! Es sind sozusagen gerade die kleinen Abwechslungen und Freuden des Alltags, die es gar nicht mehr gibt, nur noch diese Halsschmerzen.

Pfefferkuchen, old german gingerbread with rye flour and honey by Turku Gingerbread CC BY 2.0

Wenn ich mich wenigstens mal kurz mit Freunden am Christkindlmarkt treffen könnte, da gäbe es zur Abwechslung mal Glühwein und Pfefferkuchen!“

Das waren sozusagen die „Zauberworte“ um den „darunter liegenden Code“ zu verstehen, der zur Arznei führte: dem Arzneimittel “Piper nigrum“, dem schwarzen Pfeffer!

Pfeffertüte der DDR von Ralf Roletschek – eigenes Foto, CC BY-SA 3.0


Das potenzierte „Niespulver“ hatte ihm hier, im deutlich geäußerten Wunsch nach Pfefferkuchen homöopathisch verordnet, die fehlende Würze im Leben zurückgegeben.

Der tiefsitzende Schnupfen und die Tonsillitis heilten rasch ab und die mit Bravur bestandene Klausur brachte ihn auf seinem Lebensweg gestärkt und gereift weiter.