„Nur Fieber“ mit dem Erleben von „altem Eisen“

„Mein Immunsystem ist schon lange nicht mehr so, wie ich es bräuchte, um mich durchzusetzen!“ Dies waren die ersten Worte des 42 jährigen Mannes der wegen häufiger Fieberepisoden zu mir kam. Die wiederkehrenden Infekte oder Zeiten mit Fieber konnte er mir nicht genauer beschreiben, als dass es eben immer wieder „nur dieses permanente Fieber“ sei.

Auf mehrere Versuche doch noch etwas mehr von diesen Zuständen zu erfahren, erklärte ich ihm, dass ich ihn mit seinen Beschwerden besser kennenlernen möchte.

Daraufhin erzählte er wie folgt: „Ich hatte in meinem Leben immer das Gefühl voller Kraft die Dinge, die es zu erledigen gab, durchzukämpfen. Dadurch war ich immer sehr beliebt bei meinen Freunden, denn die konnten sich auf mich verlassen, dass ich immer den Kopf hinhielt z.B., wenn es in der Schule Ärger gab. Für die habe ich alles gegeben! Wenn ich für mich selbst einstehen sollte, bin ich aber auch oft verlegen gewesen und habe einen roten Kopf bekommen. Normal bin ich schon immer blass. Als Kind war ich eigentlich weniger erkältet und wenn, dann hatte ich nur Husten. Das dauerte meist ewig, so dass der Kinderarzt früher schon von Krupp gesprochen hat. Jetzt ist es immer nur die Temperatur, die hoch geht, als ob da mein Immunsystem kämpft. Ja, da spüre ich, dass ich sehr schwach bin.“

Auf die Frage, wie er diese Schwäche erlebt, antwortet er prompt: „Na, wenn ich so in mich hinein spüre, ist es genau anders herum, wie ich früher mit meinen Freunden war. Da haben wir uns wie eine Horde Ritter benommen, ich hatte dabei sicher die Fähigkeit, mich am zähsten in vorderster Front zu positionieren.“ Ich fragte weiter was er damit meine. „Na eigentlich ging es darum unsere Interessen durchzusetzen oder, wenn wir etwas angestellt hatten, mich hinzustellen und die Anschuldigungen an mir abprallen zu lassen. Ich fühlte mich stark wie mit einer Rüstung und es war mir gegeben, mich dann vor meine Freunde zu stellen. Jetzt ist diese Rüstung voll angerostet. Das habe ich auch in der Mitarbeiterversammlung im Betrieb gespürt, als ich nichts mehr gegen die Umstrukturierungen machen konnte. Da fühlte ich mich schon so, als ob ich zum alten Eisen gehören würde und das mit meinen damals 40 Jahren! Das war die Zeit, in der es begann, dass mich das Fieber immer wieder niedergestreckt hat!“

Von Philipp Jakob Loutherbourg der Jüngere
Eisenproduktion in Coalbrookdale, wo Abraham Darby I 1709 als erster Eisen unter Verwendung von Koks gewonnen hat (Gemälde von Philippe-Jacques de Loutherbourg, 1801)

Mit diesem Auszug aus der Krankengeschichte möchte ich die Analogie, welche zur passenden Arzneimittelfindung führt, über das hier beschriebene Erleben verdeutlichen.

Wenn wir uns vorstellen, dass alle Arzneien, die uns Homöopathen zur Verfügung stehen, auch Fieber in ihrem Wirkungsspektrum haben, wäre der Zustand „nur Fieber“ ein Lotteriespiel und absolut ungeeignet ein homöopathisches Mittel zu finden.

In der Krankengeschichte erscheinen auf Nachfrage Ausdrücke, die zusammengefasst eine Analogie zu folgendem Schwingungsbild möglich machen:

Es ist vorweggenommen das Arzneimittel Ferrum phosphoricum (Eisenphosphat). Die Rüstung, das Kämpfen, sich stark fühlen, Abprallen, durchsetzen, zäh sowie angerostet und altes Eisen weisen sehr deutlich auf die Metallenergie des Eisens.

Stark verrostetes Stahlblech von Roland Nonnenmacher – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Hier möchte ich einen ganz kurzen und sehr vereinfachten Ausflug in die Anordnung der Elemente im Periodensystem unternehmen. Von Wasserstoff in der ersten Periode über Helium zu Lithium in der 2. Periode über die Elemente Beryllium, Bor und so weiter immer weiter nach rechts nimmt die Anzahl der Elektronen in der äußersten Schale zu. Um stabiler zu werden, gehen die jeweiligen Elemente Verbindungen ein indem sie entweder Elektronen abgeben oder aufnehmen. Von Periode zu Periode (bzw. Reihe) nach unten nehmen Atomgewicht und die Zahl der jeweiligen Außenschalen zu. Von oben nach unten können wir gemeinsame Eigenschaften, chemisch gesehen, auch als Gemeinsamkeit zu den homöopathische Arzneimitteln in Analogie zum menschlichen Bewusstsein sehen.

Periodic table (German) by Joshua D.wondrousch, Mattlaabs – Own work

Ferrum steht im Periodensystem im 8. Stadium in der 4. Reihe. Es repräsentiert dadurch Themen wie Arbeit, Aufgabe, Pflicht und Widerstand leisten. Körperlich gesehen ist das Rotwerden im Gesicht ein Symptom von Ferrum metallicum.

Der Phosphoranteil ist etwas subtiler zu spüren: eher mehr in dessen Position im Periodensystem: im Stadium 15 in der 3. Reihe, welches den eigenen Verlust in Beziehung, Spiel und der Jugend repräsentiert. Dies taucht auf im Freundeskreis, als Horde und in dem Erleben seines Alterns. Phosphorus Symptome sind der Krupp Husten und die Schwäche.

Vivianit (Eisenphosphatmineral) Fundort: Tomokoni mine, Bolivien von Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0

In der Kombination haben wir deutliche Argumente für die Arznei Ferrum phosphoricum.

Aber noch viel mehr! Denn diese Arznei ist eben genau diejenige, welche bei diffusen Fieberzuständen, die eben keine weiteren Begleitsymptome haben außer eben dem Fieber, gute Dienste tut.

Dies wird wie folgt beschrieben:

Ausgeprägter Erschöpfungszustand; das Mittel bei ersten Stadien aller fieberhaften Leiden und Entzündungen, vor Einsetzen von Ausscheidungen wie  Schweiß, Schnupfen oder Auswurf; besonders bei katarrhalischen Erkrankungen der Atemwege. Außerdem besonders ist, dass Ferr.-p. in niedriger Potenz das Hämoglobin erhöht. Hier sehen wir deutlich den Bezug zum Eisen im Blut und in unserem Fall, die von ihm anämisch beschriebene Blässe.

Vielleicht wird durch diese kurze Fallbeschreibung deutlicher, welchen Hintergrund es für eine Verschreibung auch im Akutzustand zu erkennen gilt, bevor ein Globuli auch bei wenigen Symptomen eingenommen wird.

Im oben beschriebenen Fall ging das Fieber so unglaublich schnell zurück, dass die anstehende Krankschreibung gar nicht mehr nötig war. Nach 2 Monaten berichtete er mir am Telefon, dass das Fieber kein Thema mehr sei und dass sich in ihm noch „so einiges“ getan hätte. Bei so einer Formulierung bin ich immer sehr hellhörig und was er mir dann erzählte, machte mich als Homöopathin wieder einmal sehr froh.

Eisenausfällungen (rötlich), neben Schwefelausfällungen (gelblich) und Kalkausfällungen (weißlich) am Krafla-Vulkan, Island von Wolfgang Sauber – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

„Wissen sie, ich habe ja im Betrieb immer so gekämpft, dass es für die Belegschaft kollektiver und gerechter wird. Ich fühlte mich dadurch immer sehr unter Druck und somit energielos und schwach. Jetzt ist da ein ganz anderes Gefühl. Ich bin eher lebendig und kräftig und verteile die Aufgaben auf mehrere Schultern, was mich sehr entlastet! Ja und das erstaunlichste dabei ist, dass ich jetzt, obwohl ich ja noch nicht so alt bin, um Rat wegen meiner Erfahrung gefragt werde! Das ist doch wirklich erstaunlich! Irgendwie bin ich innerlich mit ihrer Arznei wohl reifer geworden! Und meine Frau meint, ich sei nicht mehr so blass!“

Die abstrakte Abkürzung Ferr.-p. aus der Hausapotheke hat nun ein eigenes „Gesicht“ bekommen.